Construction Information
Ein langfristiges Ziel: Gutes Bauen wieder zugänglicher machen
Immer mehr junge Menschen arbeiten, planen und sparen – und haben trotzdem das Gefühl, dass ein eigenes, würdiges Zuhause immer weiter in die Ferne rückt.
Vielleicht kennen viele dieses Gefühl: Man übernimmt Verantwortung, versucht Schritt für Schritt voranzukommen und stellt irgendwann fest, dass der Abstand zu den eigenen vier Wänden nicht kleiner, sondern größer geworden ist.
Ist das nur ein persönlicher Eindruck?
Nicht ganz. Zwischen 2005 und 2023 stiegen die Wohnimmobilienpreise in Österreich laut OECD um 163 Prozent. Das war beinahe dreimal so viel wie im Euroraum. Auch die Mieten erhöhten sich innerhalb von 15 Jahren um mehr als 75 Prozent. Die Oesterreichische Nationalbank beobachtete für 2025 zwar eine leichte Stabilisierung: Die Preise stiegen nominell um 2,1 Prozent und gingen inflationsbereinigt zurück. Der langfristige Verlust an Leistbarkeit ist damit aber nicht verschwunden.1, 3
Gleichzeitig ist der Neubau stark eingebrochen. Im Jahr 2025 wurden in Österreich insgesamt 47.636 Wohnungen bewilligt, einschließlich Wohnungen aus An-, Auf- und Umbauten. Nur 31.979 davon lagen in neuen Gebäuden – der niedrigste Wert seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2010. Die Angaben für 2025 sind noch vorläufig, die Richtung ist dennoch deutlich.2
Das beschäftigt mich seit einiger Zeit.
Nicht als Klage und auch nicht auf der Suche nach einem einzelnen Schuldigen. Die Realität hält sich leider nur selten an Präsentationen mit drei Pfeilen und einem Kreis in der Mitte.
Mich interessiert vielmehr die Frage:
Warum ist gutes Wohnen für so viele Menschen schwieriger erreichbar geworden – und welcher Teil dieser Entwicklung ist tatsächlich unvermeidbar?
Es geht nicht nur um den Preis eines Quadratmeters
Wer sich mit dem Bauen beschäftigt, merkt schnell: Es gibt nicht die eine Ursache.
Grundstück. Finanzierung. Regulierung. Planung. Genehmigungen. Ausführung. Logistik. Betrieb.
Alle diese Faktoren greifen ineinander.
Allein seit Ende 2020 sind die österreichischen Baukosten laut OECD um rund 22 Prozent gestiegen. Die durchschnittlichen Kaufpreise für bebaubare Grundstücke erhöhten sich zwischen 2013 und 2023 um ungefähr 90 Prozent.1
Das lässt sich nicht durch eine App, ein neues Datenformat oder ein bisschen künstliche Intelligenz beseitigen.
Ich glaube nicht, dass ein digitales Produkt die Wohnungsfrage lösen kann. Wer das behauptet, macht aus einem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und räumlichen Problem eine erstaunlich einfache Produktpräsentation.
Und ehrlich gesagt: Das wäre auch eine ziemlich große Aufgabe für ein erstes Produkt.
Aber ein Teil der Kosten entsteht dort, wo niemand ihn bewusst plant
Was mich fachlich besonders interessiert, ist ein anderer, weniger sichtbarer Teil des Problems.
Nicht der Beton.
Nicht der Stahl.
Nicht die Arbeitsstunde.
Sondern die Momente dazwischen.
Wenn Informationen fehlen.
Wenn unterschiedliche Beteiligte mit unterschiedlichen Informationsständen arbeiten.
Wenn Entscheidungen zu spät getroffen werden.
Wenn etwas neu erstellt werden muss, obwohl es eigentlich schon einmal vorhanden war.
Wenn am Ende niemand genau sagen kann, welche Information für welchen nächsten Schritt gedacht war.
Diese Situationen entstehen nicht automatisch deshalb, weil Menschen ihre Arbeit schlecht machen. Im Gegenteil: Im Bauwesen tragen viele Menschen täglich große fachliche und wirtschaftliche Verantwortung.
Aber das System ist komplex.
Architektur, Fachplanung, Ausführung, Hersteller, Auftraggeber, Behörden und spätere Betreiber arbeiten mit unterschiedlichen Werkzeugen, Begriffen und Erwartungen. Bei jeder Übergabe kann ein Stück Kontext verloren gehen.
Auch die Forschung zu Nacharbeit im Bauwesen beschreibt diesen Zusammenhang. In einer Untersuchung von 260 abgeschlossenen Hoch- und Tiefbauprojekten gehörte die Projektkommunikation zu den statistisch signifikanten Einflussfaktoren auf Nacharbeitskosten. Eine spätere Langzeituntersuchung an einem Verkehrs-Megaprojekt zeigte, wie Missverständnisse, unterschiedliche Interpretationen, unklare Rollen und unterbrochene Kommunikation zur Entstehung von Nacharbeit beitragen können.4, 5
Das bedeutet nicht, dass jede schlechte Übergabe automatisch ein Gebäude verteuert. Und es bedeutet schon gar nicht, dass bessere Software Grundstückspreise oder Finanzierungskosten verschwinden lässt.
Aber es zeigt, dass nicht jede aufgewendete Ressource neuen Wert schafft.
Deshalb interessiert mich nicht in erster Linie die Frage:
Wie bauen wir morgen sofort für alle billiger?
Das wäre eine zu einfache Antwort auf ein sehr schwieriges Problem.
Die bessere Frage lautet:
Wie können wir den Bauprozess selbst verständlicher, planbarer und weniger verschwenderisch machen?
Technologie ist kein Ziel. Sie ist ein Werkzeug.
Ich glaube nicht, dass die Bauwelt einfach mehr Technologie braucht.
Sie braucht bessere Systeme.
Systeme, die Menschen dabei unterstützen,
- relevante Probleme früher zu erkennen,
- Informationen nachvollziehbarer weiterzugeben,
- Entscheidungen besser vorzubereiten,
- unnötige Wiederholungen zu vermeiden,
- und den nächsten Schritt verständlicher zu machen.
BIM, IFC, Automatisierung und künstliche Intelligenz sind dabei keine Lösungen an sich.
Ein digitales Modell ersetzt keine Erfahrung.
Eine KI ersetzt keine Verantwortung.
Und ein Standard ersetzt keine gute Zusammenarbeit.
IFC ist ein offener internationaler Standard für den Austausch von BIM-Daten zwischen den unterschiedlichen Beteiligten und Softwareanwendungen der Bau- und Immobilienwirtschaft. Ein Standard kann die Grundlage für einen Austausch schaffen. Er garantiert aber nicht automatisch, dass jede Datei die für ihren konkreten Verwendungszweck benötigten Informationen enthält oder dass der Empfänger sofort versteht, was vorhanden ist und was noch geklärt werden muss. Dafür braucht es definierte Anforderungen, passende Arbeitsabläufe und nachvollziehbare Übergaben.7
Technologie ist für mich dann wertvoll, wenn sie Menschen unterstützt – nicht wenn sie einfach nur komplizierter macht, was vorher bereits kompliziert war.
Weniger Reibungsverluste sind dabei nicht nur eine gesellschaftliche Frage. Sie können auch zu verlässlicheren Budgets, besser vorbereiteten Entscheidungen, geringeren Projektrisiken und einer belastbareren Grundlage für Investitionen beitragen.
ArchOS: ein kleiner Schritt an einer großen Schnittstelle
An einem kleinen Teil dieser Schnittstelle setzt ArchOS an.
Nicht bei Grundstückspreisen.
Nicht bei der Finanzierung.
Nicht bei der Genehmigung eines Gebäudes.
Das wären ein paar Größenordnungen über dem, was ein erstes Produkt leisten kann.
ArchOS beschäftigt sich mit einer engeren Frage:
Wie können vorhandene Informationen aus IFC-Modellen bei einer Übergabe verständlicher und nachvollziehbarer dokumentiert werden?
Ein IFC-Modell kann viele Informationen enthalten.
Aber Information allein bedeutet noch keine Klarheit.
Entscheidend ist:
Was ist sichtbar?
Was bleibt offen?
Was sollte vor dem nächsten Schritt noch geklärt werden?
Dass bei digitalen Gebäudeinformationen tatsächlich Daten zwischen Projektphasen verloren gehen oder später neu aufbereitet werden müssen, ist auch Gegenstand der Forschung. Eine 2024 veröffentlichte Studie zur Informationsübergabe an das Facility Management dokumentiert erhebliche Datenverluste während der Übergabe und daraus entstehende Nacharbeit bei der Integration der gelieferten Informationen. Die Untersuchung bezieht sich ausdrücklich auf den Übergang zum Facility Management; sie beweist nicht, dass jede IFC-Übergabe gleich problematisch ist. Sie zeigt aber, wie wichtig die Qualität und Nachvollziehbarkeit von Informationsübergaben sein können.6
ArchOS soll vorhandene IFC-Modellinformationen strukturiert sichtbar machen und als nachvollziehbare interne Entscheidungsgrundlage dokumentieren:
Was ist erkennbar?
Was bleibt ungeklärt?
Und welcher Punkt sollte vor einer Weitergabe oder dem nächsten Arbeitsschritt noch betrachtet werden?
ArchOS erteilt keine Freigabe.
Es zertifiziert kein Modell und gibt keine Konformitätsaussage ab.
Es übernimmt keine architektonische, ingenieurtechnische, rechtliche oder sonstige fachliche Beurteilung.
Die fachliche Entscheidung und die damit verbundene Verantwortung bleiben bei den Menschen, die sie treffen.
Und genau so sollte es sein.
ArchOS löst die Wohnungsfrage nicht. Es ist ein bewusst kleiner Anfang an einer sehr konkreten Stelle.
Aber irgendwo muss man anfangen.
Der lange Weg
Ich kenne heute nicht die vollständige Lösung.
Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, wie groß mein eigener Beitrag am Ende sein wird. Das klingt vermutlich weniger eindrucksvoll als eine große Gründergeschichte, ist aber näher an der Wahrheit.
Gutes Bauen hängt von Menschen, Wissen, Regeln, Materialien, Finanzierung, Zusammenarbeit und Technologie ab. Wahrscheinlich gibt es nicht die eine Lösung, sondern viele Schritte, die sinnvoll ineinandergreifen müssen.
Aber ich weiß, welcher Frage ich meine Arbeit langfristig widmen möchte:
Wie können wir Systeme schaffen, durch die gutes Bauen einfacher, nachvollziehbarer und für mehr Menschen erreichbar wird?
ANGERMAYER beginnt mit einem kleinen Schritt.
Nicht mit der Behauptung, bereits alle Antworten zu kennen.
Sondern mit dem Versuch, ein komplexes System besser zu verstehen und dort Verbesserungen zu schaffen, wo sie tatsächlich möglich sind.
Das ist kein Versprechen für morgen.
Es ist eine Richtung für die kommenden Jahre.
Eine Frage an Sie
Wo entstehen Ihrer Erfahrung nach heute vermeidbare Kosten, Informationsverluste oder unnötige Unsicherheit beim Planen und Bauen von Wohnraum?
Ich freue mich über Perspektiven von Architekt:innen, Ingenieur:innen, Bau- und Projektleiter:innen, BIM-Verantwortlichen, ausführenden Unternehmen, Herstellern, Bauherr:innen – und von Menschen, die gerade selbst versuchen, ein Zuhause zu finden oder zu schaffen.
Quellen
Enthält unter anderem die Angaben zur Entwicklung der Wohnimmobilienpreise, Mieten, Baukosten und Grundstückspreise.
Baubewilligungen 2025. (öffnet in neuem Tab)
Die Ergebnisse für die jüngsten Jahre enthalten Schätzungen für Nachmeldungen und werden regelmäßig revidiert.